Recherche


Ich weiß gar nicht, wo bei mir genau Recherche beginnt und wo sie endet. Fakt ist aber, dass ich bei einem Roman sicherlich gleichviel Zeit zum Recherchieren brauche, wie zum Schreiben. Sie wollen genauer wissen, wie ich recherchiere? Ganz unten gibt es ein Essay dazu.

 


Recherche  zu Band 1

Die Geschichte von Emily und Liam ist eine fiktive, doch sie spielt sich vor wahren Hintergründen ab. So sind folgende Ereignisse historisch belegt:

 

- Darwins Studium an der Universität in Edinburgh 1825-1827

- Die Gräueltaten von Burke & Hare 1828 in Edinburgh

- Die Irische Hungersnot von 1845-1852

- Die Highland Clearances - die Vertreibung der Bauern zugunsten der Industrialisierung im ganzen 19. Jh.

- Der Aufstand in Braes, auf der Isle of Skye am 19. April 1882

- Die Tatsache, dass James Connolly, späterer Anführer des Osteraufstand, in Edinburgh im Cowgate aufwuchs

 

Während Suthness, Dolean und Burkney fiktive Orte sind, existieren folgende Schauplätze tatsächlich:

- Die Necropolis in Glasgow

- In Edinburgh: Cowgate, South Bridge, Greyfriars, Arthur's Seat, Scott Monument, Stockbridge

 

Wer sich mehr über die Stadt Glasgow zur Zeit der "Hurentochter" interessiert, dem empfehle ich die Fotosammlungen von Thomas Annan, die er zwischen 1868-1877 anfertigte. Mit dem Sachbuch "The Highland Clearances" von Eric Richards ist jedem beholfen, der sich mehr mit den Vertreibungen der Bauern auseinandersetzen möchte.

 



Und die Recherche geht weiter!

Das Projekt 2019 zieht mich nach Frankreich, vor während und nach dem Ersten Weltkrieg.


Liste meiner Lieblingsmuseen

 

Das Charles Dickens Museum in London enthält nicht nur spannende Einblicke in das Leben des Schriftstellers, sondern auch, wie gutbürgerliche Viktorianer gelebt haben.

Dasselbe gilt beim Sherlock Holmes Museum in London an der Bakerstreet 221b. Nicht nur für Fans ein MUSS, sondern auch für Geschichtsinteressierte. Es ist vollgestopft mit viktorianischen Originalen und voller Anekdoten.

Nicht zu vergessen das Museum of London. Wer Zeit hat, kann noch bis 10. März 2019 darin die Votes for Women Ausstellung besuchen, aus der ich nahezu all meine Informationen über Emmeline Pankhurst und das Frauenwahlrecht holen konnte. Wunderbar und liebevoll gestaltet, so dass die Zeit wie im Flug vorbei geht. Der Eintritt ist übrigens gratis. Weitere Infos hier.

Selbstverständlich gehört da auch ein Abstecher ins Museum of London Docklands dazu.

 

In Bath wird man vom Jane Austen Centre rundum mit Literatur und Tee verwöhnt. Ach hätten wir dort doch nur etwas mehr Zeit gehabt...

Auch wenn es nicht als Museum zählt, aber das Highclere Castle, dem Drehort der Kultserie Downton Abbey, war mein Reisehighlight 2017.

 

Fahren wir doch nach Norden, genauer nach Edinburgh: Das Writer's Museum widmet sich den drei größten literarischen Schöpfern, die das Land zu bieten hat. Sir Walter Scott, Robert Louis Stevenson und Robert Burns.

In das National Museum of Scotland könnte ich direkt einziehen.

 

 


Dazu, wie ich recherchiere, ein kurzes Essay

 

Zunächst einmal muss ich mich natürlich mit dem Setting auseinandersetzen. Der dritte Roman spielt beispielsweise in London im Jahre 1908 – da muss ich erst ganz viele Fragen beantworten. Wie sah das Leben damals aus, was war gerade los? Wer war König? (Edward VII) Wer politisch an der Macht? (Herbert Henry Asquith wurde am 6. April gewählt.) Wie Stand es um die Stellung der Frau? (Grundsätzlich schlecht wie immer, aber die Suffragetten machten unter Emmeline Pankhurst gerade gewaltig Dampf.) Herrschte in einer Kolonie ein Krieg? (Der Zweite Burenkrieg und der Britische Tibetfeldzug waren noch nicht lange her, vielleicht war ja eine Nebenfigur involviert und hat ein Trauma?) Was trugen die Leute, was war gerade Mode? Was stand in den Zeitungen? Wie war das Wetter? Welche Sehenswürdigkeiten gab es? Wo gingen meine Figuren hin, um ihre Freizeit zu gestalten? Welche Pubs, welche Museen, welche Theater besuchten sie? Wie weit war die Untergrundbahn fortgeschritten? Wie sah der Piccadilly aus? Stand das Criterion bereits?

 

Dann kommen die ganzen Straßen und Namen hinzu. Ich muss zum Beispiel wissen, dass die heutige «Old Montague Street» bis 1874 nur «Montague Street» hieß, dass die «Dorset Street» in 1904 in «Duval Street» unbenannt und in den 1960ern weitestgehend abgerissen wurde, aber auch, dass der Crystal Palace ein beliebtes Ausflugsziel war und dass er zunächst im Hyde Park und dann in Sydenham stand, bis er 1936 vollständig niederbrannte.

 

Ein weiterer wichtiger Punkt ist für mich Bildung & Gesellschaft. Also wie lief der ganze Hausbetrieb einer gutbürgerlichen Familie ab? Wie in einer Arbeiterfamilie? Womit verdienten die Leute ihr Geld? Wieviel war ein Shilling wert, wieviel ein Pfund? Wie viele Zentimeter sind ein Yard? Welche Mahlzeiten wurden gekocht? In welche Schulen könnten die Kinder untergebracht worden sein? Wie waren die Zimmer aufgeteilt? Wie lief ein gesellschaftlicher Anlass ab, wie eine Soiree, wie ein Debütantinnenball? Wie wurden Liebesgeständnisse eröffnet? Wie sah es mit Verhütung & Aufklärung aus? 

 

Kontrast ist eines meiner großen Widererkennungsmerkmale. Eine Geschichte spielt in einer Stadt, aber je nach Viertel könnte man glauben, es lägen ganze Welten dazwischen. Ich kann nicht sagen, dass ich für alle Fragen immer sofort eine Antwort finde und viele Fragen entstehen auch erst beim Schreiben. Oder aber es passiert genau umgekehrt, dass eine interessante «Entdeckung» dazu führt, dass ich sie noch einbaue.

Ich kann auch nicht sagen, wo ich all diese Antworten finde, denn das ist extrem unterschiedlich. Ich schreibe ja nicht über Themen, die mir grundsätzlich fremd sind, sondern über Dinge, mit denen ich mich schon länger auseinandersetze und bei denen ein Grundgerüst an Wissen vorhanden ist. Tatsächlich beginne ich meine Suche über Wikipedia, denn das Geheimnis liegt in den Einzelnachweisen. Viele weisen direkt auf Fachbücher, Seiten und Archive hin, die ich sonst beim Googeln niemals gefunden hätte bzw. gar nicht an die nötigen Schlagwörter gedacht hätte.

Hinzu kommen meine geliebten Museumsbesuche.

 

Das größte Privileg ist aber die Recherche vor Ort. Denn was mir kein Geschichtsbuch vermitteln kann, ist die Atmosphäre eines Ortes. Ich brauche ein Gefühl für die Stadt, muss durch ihre Gassen streifen, die Häuser betrachten und die Menschen beobachten. Gehen, wie sie gehen. Riechen, was sie riechen. Essen, was sie essen. Nur wenn ich selbst an der Nordküste von Schottland den kühlen, salzigen Wind auf den Wangen fühle oder ich von der Royal Mile aus auf Edinburgh blicke, nur wenn ich bei einem Sturm vor einem Kaminfeuer sitze, das Knistern höre und das brennende Holz rieche, kann ich authentisch darüber schreiben.